Die Wege zu den abgelegenen Gemeinden sind oft sehr schwierig.
Die Wege zu den abgelegenen Gemeinden sind oft sehr schwierig.

Feldgottesdienste im Altiplano

Der Oktober 2023 war ein Monat, in dem die Feldgottesdienste zu bewegenden Begegnungen zwischen Glaube, Landschaft und Menschen wurden. Wenn ich heute an diese Wochen zurückdenke, sehe ich zuerst nicht die Kirchenbänke, die es dort oben nicht gibt, sondern Gesichter: wettergegerbt, aufmerksam, voller Hoffnung. Ich sehe den einfachen Tisch, der zum Altar wurde, und den Himmel darüber, der so nah wirkt, dass man meint, ihn berühren zu können. In diesem Beitrag möchte ich einige dieser Erinnerungen mit euch teilen.

Zu den Gottesdiensten kommen die Menschen in ihren Festkleidern.
Zu den Gottesdiensten kommen die Menschen in ihren Festkleidern.

Oktoberlicht über den Anden – ein Monat der offenen Himmel

Der Oktober im Altiplano ist ein Übergang: Die Nächte sind noch hart und kalt, die Tage bereits voller Erwartung auf die ersten Regenzeichen. Morgens liegt manchmal Reif auf den Gräsern, und der Atem steht als weiße Wolke in der dünnen Luft. Doch sobald die Sonne über die Gipfel steigt, verwandelt sich die Hochebene in ein Meer aus Licht – klar, scharf und von einer Weite, die einem den Atem nimmt.

Genau in dieser Zeit habe ich meine Feldgottesdienste gefeiert – draußen, unter dem weiten Himmel, begleitet vom Wind, den Bergen und den Menschen, die oft stundenlang zu Fuß kamen. Es war eine Zeit des Wartens und des Hoffens, und vielleicht passte gerade deshalb die Feier des Glaubens so gut in diese Landschaft: Auch wir warten, auch wir hoffen – auf Regen für die Felder und auf Gottes Nähe in unserem Alltag.

Zumeist gibt es einen zentralen Punkt an dem wir uns zum Gottesdienst treffen.
Zumeist gibt es einen zentralen Punkt an dem wir uns zum Gottesdienst treffen.

Mehr als eine Liturgie: Lebensanker für die Gemeinden

Diese Gottesdienste waren mehr als liturgische Feiern. Sie waren Lebensanker für die Gemeinden – Momente, in denen die Menschen spürten, dass sie nicht vergessen sind, weder von Gott noch von der Kirche. Besonders drei Gruppen sind mir dabei ans Herz gewachsen:

  • Für die Hirten, die ihre Tiere nicht allein lassen konnten. Für sie kam der Gottesdienst dorthin, wo ihr Leben stattfindet – auf die Weiden, zwischen Lamas und Alpakas. Manche standen am Rand der Versammlung, den Blick immer wieder auf ihre Herde gerichtet, und doch ganz dabei.
  • Für die Familien, die weit verstreut leben. Der Feldgottesdienst wurde zum Treffpunkt: Verwandte sahen sich nach Wochen wieder, Neuigkeiten wurden ausgetauscht, und nach dem Segen wurde oft geteilt, was jeder mitgebracht hatte.
  • Für die Kinder, die den Altar unter freiem Himmel als etwas Magisches erleben. Ihre staunenden Augen, wenn der Wind die Altardecke hob oder die Kerzen gegen die Böen ankämpften, haben mich jedes Mal daran erinnert, wie wunderbar das Geheimnis des Glaubens ist.
Bei den langen Wegen welche die Menschen auf sich genommen haben gibt es natürlich etwas zum Essen.
Bei den langen Wegen welche die Menschen auf sich genommen haben gibt es natürlich etwas zum Essen.

Der Weg zum Altar unter freiem Himmel

Jeder Feldgottesdienst begann lange vor dem ersten Kreuzzeichen. Schon in der Dämmerung machten sich die Menschen auf den Weg – über steinige Pfade, durch ausgetrocknete Bachbetten, vorbei an Lehmhäusern und Steinmauern. Viele trugen ihre Kinder auf dem Rücken, eingewickelt in bunte Tücher; andere brachten Blumen, Brot oder ein paar Kartoffeln mit, als Gabe für die Gemeinschaft.

Auch für mich war der Weg ein Teil der Feier. Die Fahrt über holprige Pisten, das Aufbauen des einfachen Altars, das Ausbreiten der Decke, das Aufstellen des Kreuzes – all das wurde zu einem stillen Gebet. Und wenn dann die ersten Gestalten am Horizont auftauchten, wusste ich jedes Mal: Hier geschieht etwas, das größer ist als wir alle.

Hier wird für das leibliche Wohl gesorgt.
Hier wird für das leibliche Wohl gesorgt.  

Wind, Stille und Gesang – Liturgie im Rhythmus der Landschaft

Unter freiem Himmel zu feiern bedeutet, sich der Natur anzuvertrauen. Der Wind trug manchmal meine Worte davon, sodass ich lauter sprechen oder einfach einen Moment innehalten musste. Und gerade in diesen Pausen entstand eine besondere Stille – eine Stille, die nicht leer war, sondern erfüllt vom Rauschen der Gräser, vom fernen Blöken der Tiere und vom gemeinsamen Atmen der Versammelten.

Besonders bewegend waren die Lieder. Sie wurden nicht von einer Orgel begleitet, sondern von rauen, kräftigen Stimmen, manchmal von einer Flöte oder einer Gitarre. Wenn die Gemeinde in ihrer eigenen Sprache sang, schien es, als würden die Berge selbst mitsingen. In diesen Augenblicken war die Kathedrale nicht aus Stein gebaut, sondern aus Himmel, Erde und Menschen.

Die Orts Autoritäten dürfen sitzen.
Die Orts Autoritäten dürfen sitzen.

Was mich der Oktober 2023 gelehrt hat

Wenn ich auf diesen Monat zurückblicke, bleiben mir vor allem drei Einsichten:

  1. Glaube braucht keine Mauern. Ein Tisch, ein Kreuz und Menschen, die zusammenkommen, genügen, damit Gott mitten unter uns ist.
  2. Die Armen sind reich an Hingabe. Wer stundenlang zu Fuß kommt, um zu beten, zeigt eine Treue, die mich immer wieder beschämt und ermutigt.
  3. Kirche heißt, hinauszugehen. Nicht die Menschen müssen zu uns kommen – wir müssen zu ihnen gehen, dorthin, wo sie leben, arbeiten und hoffen.
Natürlich ist eine Prozession obligatorisch in den Bergen Boliviens.
Natürlich ist eine Prozession obligatorisch in den Bergen Boliviens.

Ausblick und Dank

Die Erinnerungen an den Oktober 2023 begleiten mich bis heute. Sie geben mir Kraft für die Arbeit in den Bergen und erinnern mich daran, warum ich diesen Weg gewählt habe. Mein herzlicher Dank gilt allen Gemeinden, die mich so offen empfangen haben, und allen, die diesen Dienst mit ihrem Gebet und ihrer Unterstützung möglich machen – ob hier im Altiplano oder in der Ferne.

Selbst sehr alte Menschen nehmen lange Wege auf sich um bei der Messe anwesend zu sein.
Selbst sehr alte Menschen nehmen lange Wege auf sich um bei der Messe anwesend zu sein.

Möge der weite Himmel über den Anden uns alle daran erinnern, dass Gottes Liebe keine Grenzen kennt.

Padre Hernán Tarqui – im Dienst für die Ärmsten in den Bergen Boliviens

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